Lehmann, Sandra

(Institut für Philosophie, Universität Wien)

Politische Subjektivierung und metaphysische Bewegung

Ich werde im ersten Teil meines Vortrags zeigen, inwiefern sich in Jacques Rancières Konzept der politischen Subjektivierung die von ihm vorgeführte „Aporie der Politik“ erfüllt. Mit Rancière verstanden ist das politische Subjekt eine „Gestalt des Dazwischen“. Um seinen genuinen politischen Impetus nicht zu verlieren, kann es nicht zum Subjekt der Ordnung werden, also auf die Seite dessen wechseln, was Rancière „police“ nennt. Es kann aber auch nicht in der Unsichtbarkeit und Sprachlosigkeit unterhalb der Ordnung verharren, die es zum bloßen Tier disqualifiziert. Das politische Subjekt lässt sich daher fassen als das „sprechende Tier“. Es hat einen legendenhaften, wenn nicht numinosen Kern. Seine Bewegung ist Aufbruch ohne Ankunft, reine Überschreitung. Das sprechende Tier und sein Handlungsmodus, die reine Überschreitung, sind der Inbegriff des Politischen, wenn es als aporetisch gefasst wird.

Das Problem der reinen Überschreitung besteht darin, dass sie per definitionem ohne Ziel ist, also negativ gefasst ins Leere geht. Daher fällt sie entweder an die Ordnung zurück, d.h. fungiert als das, was Walter Benjamin als „rechtssetzende Gewalt“ analysiert hat; oder sie treibt in eine nihilistische Richtung der reinen Zerstörung. Im zweiten Teil des Vortrags werde ich zeigen, dass sich diese Tendenz der reinen Überschreitung, die implizit auch die Tendenz politischer Subjektivierung ist, nur auffangen lässt, indem man der vermeintlichen Leere der reinen Überschreitung einen positiven Sinn gibt. Die Möglichkeit dazu liegt aber nicht in der Überschreitung selbst, sondern im Denken. Das Denken muss vollziehen, was ich „metaphysische Bewegung“ nenne, d.h. kurz gesagt: es muss sich von der Ordnung des Sichtbaren lösen und auf das beziehen, was sie ermöglicht und zugleich in einem transgressiven Sinne durchquert. Rancière vollzieht die metaphysische Bewegung exemplarisch, wo er die Auflehnung der sprechenden Tiere zurückführt auf die Gleichheit des Sprechen-Könnens. Allerdings fehlt bei ihm der Hinweis auf die Methode, die das Sprechen-Können als Potenz vor der Ordnung erschließt. Es ist meine Überzeugung, dass sich ein neuer Horizont des Handelns und damit politischer Subjektivierung nur erschließen lässt, wenn man bereit ist, den metaphysischen Charakter dieser Methode zu denken.

 

Ausgewählte Veröffentlichungen: Wirklichkeitsglaube und Überschreitung: Entwurf einer Metaphysik (2011); Urteil und Fehlurteil (2011; hrsg. mit Sophie Loidolt); Der Horizont der Freiheit: Zum Existenzdenken Jan Patockas (2004).